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Ausstellung: „und das ist erst der Anfang“ von Boban Andjelkovic

 

Die intensive Auseinandersetzung mit popkulturellen und kunsthistorischen Fragestellungen ist in der neoexpressiven Malerei von Boban Andjelkovic so essenziell wie die selbstreflexive, malerische Erfahrung. In seiner Kunst wirft er grundsätzliche Fragen zur Aussagekraft von Malerei als zeitgenössisches Medium auf, die für den Künstler als Antipode zur digitalen Welt funktioniert. Seine manchmal grotesk und unbändig, manchmal humorvoll und naiv anmutende Malerei steht in der Tradition des „Bad Paintings“. Dabei werden neue ästhetische Zusammenhänge erschlossen und mit konzeptuellen Ansätzen kombiniert.
In seiner Einzelausstellung „und das ist erst der Anfang“ in der Galerie Rettberg konzipiert Boban Andjelkovic die Ausstellungsräume als Maler. Die einzelnen Positionen gehen über das Tafelbild hinaus, beginnen in Komposition und Farbigkeit miteinander zu kommunizieren und den Ausstellungsdisplay zu erobern. Alle Arbeiten, die in der Galerie Rettberg gezeigt werden, sind Teil der Serie „I paint for Dora“, in der sich der Künstler sowohl formal als auch thematisch dem Gemälde „die weinende Frau“ (1937, 60 х 49 cm) von Pablo Picasso annähert. Dieses Gemälde gilt als Porträt der surrealistischen Fotografin und Malerin Dora Maar, mit der Picasso acht Jahre lang bis 1943 liiert war. Auch wenn sich die Künstlerin und der Künstler gegenseitig beeinflussten, erhielt Dora Maar zu ihren Lebzeiten nicht die institutionelle Anerkennung, die sie verdient hätte und ist für viele bis heute nur als „weinende“ Muse hinter der großen Künstlerpersönlichkeit Pablo Picasso bekannt.¹ Dass die Bedeutung von Künstlerinnen im kunsthistorischen Kanon noch immer institutioneller Aufarbeitung bedarf, zeigen zahlreiche Einzelausstellungen wie beispielsweise von Artemisia Gentileschi in der National Gallery in London (4. April bis 26. Juli 2020) oder Gruppenausstellungen wie beispielsweise „Fantastische Frauen“ in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt (13. Februar bis 24. Mai 2020).
„I paint for Dora“ ist die erste zusammenhängende Serie des Künstlers. Schon seit längerem setzt sich Boban Andjelkovic intensiv mit der Identität und dem ungleichen Rollenverhältnis von Künstlerinnen und Künstlern auseinander.
Die Serie „I paint for Dora“ stellt einen persönlichen Versuch dar, ein Gegenbild zur „weinenden Frau“ von Pablo Picasso zu entwerfen. Sowohl kompositorisch als auch thematisch nähert sich Boban Andjelkovic an das kubistische Porträt von Pablo Picasso an, in dem er einzelne Elemente aufgreift, wie beispielsweise die vor das Gesicht gelegte Hand, die in nahezu allen Arbeiten der Serie zu erkennen ist. Im nächsten Schritt verlässt der Künstler dieses kompositorische Grundgerüst, indem er Gesichtszüge in schwarze, ovale Liniengebilde vor groben Malflächen auflöst, die sich manchmal gesprayt und manchmal gemalt auf der Leinwand manifestieren. Durch ihre wellenartigen Bewegungen lassen sie an die Malerei des amerikanischen Künstlers Brice Marden erinnern. Indem Boban Andjelkovic diese Netze immer wieder durch organische Formen unterbricht, führt er die Komposition wieder auf das Genre Porträt zurück. Diese Vorgehensweise lässt an Jazzimprovisationen denken, bei denen das Anfangsthema aufgebrochen wird und erst am Ende wieder in seine Grundform zurückfindet.
Auch wenn die Intensität der expressiven Malerei von Boban Andjelkovic einen impulsiven Malvorgang vermuten lassen, sind es ein reflektierendes Vorgehen sowie ein überlegter Einsatz der Pinselsetzung, mit denen er die Bildstruktur aufbaut. Während sich manche Arbeiten durch eine kontrastreiche, intensive Farbpalette auszeichnen, verwendet der Künstler in anderen Positionen eine monochrome, geradezu Grisaille-hafte Farbgebung, die er mit farbenprächtigen Details unterbricht. Durch den dichten, manchmal verrinnenden Farbauftrag in mehreren Schichten wird die Materialität der Malerei betont und eine Reflexion über die Malerei als Medium spürbar.
Einzelne Porträts werden begleitet von fragmentarischen Texten in Deutsch oder Englisch, wie beispielsweise „Bye bye sweet Psycho“ oder „LOVE“, die wiederum im Ausstellungsdisplay aufgegriffen werden. Sie wird in die Abstraktion eingebettet oder klar von ihr getrennt, die visuellen, kompositorische Regeln dominieren die Malerei. Durch die Verwendung zeitgenössischer Sprache der Populärkultur transferiert der Künstler das Bildsujet in die Gegenwart und macht auf seine Aktualität aufmerksam. Während frühere Arbeiten von Typografien bestimmt wurden, tritt das Medium Schrift in den Arbeiten der Serie „I paint for Dora“ wieder in den Hintergrund und wird dafür Teil der Ausstellungskonzeption.
Durch die grelle Farbgebung scheinen die Arbeiten zunächst in Widerspruch zu einer kritisch-reflektierenden Auseinandersetzung zu stehen. In Kontrast zu den großformatigen Porträts stehen Arbeiten, auf denen ein vogelähnliches Wesen mit Cowboystiefeln, Koteletten und Baseballmützen gezeigt wird. Wer mit dem Gesamtoeuvre von Boban Andjelkovic vertraut ist, weiß, dass es sich dabei um typische Bildsujets des Künstlers handelt, die auf Selbstbildnisse verweisen und ein gewisses Maß an Selbstironie verraten. Diese naiv anmutenden Figuren können in Kontrast zu den großformatigen Porträts als eine Absage an den Mythos des großen, männlichen Malergenies gesehen werden. 

¹ Die Ausstellung zu Dora Maar im Centre Pompidou, in der Tate Modern und im J. Paul Getty Museum ist die bisher umfassendste monographische Retrospektive der Künstlerin. Vgl. Ausst.Kat. Dora Maar, Centre Pompidou, Tate Modern & J. Paul Getty Museum, London und Los Angeles, 2019.

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